Moltkestrasse 89 Telefon:  05121/512434

 Warum gibt es in der Moltkestraße ein "Bismarckfrühstück"?

Wo befinden Sie sich eigentlich in Hildesheims Oststadt?

Von historisch wenig interessierten Gästen bekommen wir gelegentlich Post in die Molkestraße 89. Die nehmen wir natürlich auch gern entgegen, denn tatsächlich befand sich im Hinterhaus (Nr. 87), das aus den rückwärtigen Fenstern unserer Pension zu sehen und gleich links gelegen ist, während etwa 60 Jahren eine kleine Molkerei. Der alte Herr Hollemann, Begründer und guter Geist des Geschäfts ist leider viel zu früh verstorben, aber seine Frau Paula hat im kleinen Milchladen im Vorderhaus (Nr. 88) noch bis in die frühen 80-ziger Jahre des letzten Jahrhunderts aufopferungsvoll und engagiert den gesamten Stadtteil täglich mit frischen Molkerei-Produkten versorgt. Für die damaligen Verhältnisse: Einfach erstklassig! In der heutigen Garage standen das hollemannsche Pferdefuhrwerk und seine mächtigen Kaltblüter, echte Pferdestärken. Die weideten seelenruhig im Innenhof unserer oststädtischen Blockbebauung. Der hintere Fachwerkanbau der Molkerei diente als Heu- und Strohlager für die Tiere. 

Die Originalaufnahme aus den "goldenen" Zwanzigern hat uns unsere liebe Nachbarin Siegrid Heckrott, geb. Hollemann freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Die gasbetriebene Laterne hatte schon vor fast einhundert Jahren für die nächtliche Sicherheit auf unserer Straße gesorgt.  Revoluzionär zur Zeit der Weimarer Republik!

Auf der gegenüberliegenden Seite, der heutigen Moltkestraße Nr. 2 befand sich bis zur fast totalen Zerstörung Hildesheims städtebaulicher Schönheit durch einen Terrorangriff einer britischen Bomberstaffel am 22. März 1945 das Biergartenlokal der Oststadt. Alle "alten Männer" des Stadtteils hatten dort ihren eigenen Bierkrug deponiert, aus dem sie sich feierabends ehrgeizig labten und ihre Frauen wussten stets, wo sie "den (vermeintlichen) Herrn des Hauses" in froher Runde antreffen konnten. Ein "Bismarckhering" hat schon damals dazu gehört! Legendär waren auch die Bratheringe, wegen deren ausladenden Dufts nur zu oft das gesamte Viertel in Verzückung geriet. Das Bier lieferte die lokale "Hildesheimer Aktienbrauerei", die nach dem Krieg mit der nahen Einbecker Brauhaus AG ("Ohne Einbeck gäb´s kein Bockbier!") fusionierte. Pfandflaschen gab es nur wenige. Für den Hausgebrauch wurde die "Erfrischung" in gewaltigen, reich verzierten Tonkrügen abgefüllt. Wir führen diese Tradition, quasi an Ort und Stelle fort und bieten unseren Gästen heute frisch Gezapftes, jedoch im feinen Glas. Unseren Fisch beziehen wir ausschließlich aus zertifizierter, nachhaltiger Aufzucht. Marinierte und gebratene Fische kommen auch in Würdigung des "alten Stammplatzes" nur hausgemacht auf den Tisch.

Unser Urgroßvater, der Maurerpolier Ludwig Fütterer kam im Jahr 1875 zusammen mit seiner Frau, der "schönen" Wilhelmine aus Obernfeld, einer kleinen niedersächsischen Gemeinde im Untereichsfeld nach Hildesheim. Vom Herbst des Jahres 1882 bis zum Sommer 1884 errichtete er das neue Stammhaus der Familie im Herzen der Oststadt mit eigener Muskelkraft und Hilfe seiner Brüder, die allesamt ebenfalls Handwerker waren. Durch Beschluß des Magistrats vom 31. Juli 1894 wurden ihm die hiesigen Bürgerrechte verliehen. Und in vierter Generation führen heute meine Frau Sabine, die "beste Frau Fütterer der Welt!" und ich selbst in direkter Erb- und Rechtsnachfolge dieses Bürgerrecht an Ort und Stelle fort. Wir sind "Oststädter" mit ganzem Herzen, einer langen Familiengeschichte am Platz, die in ihrer steten Liebe zum Quartier begründet bleibt. Anno 1985 habe ich in Fortführung der Tradtion begonnen, das Gebäude in der Moltkestrasse 89 von Grund auf, genauso wie in den Jahren seiner Erbauung in kompletter Eigenleistung zu sanieren und zu modernisieren, das daraus zu machen, was sich 32 Jahre später unseren Besuchern und Gästen stilsicher, wie aus "einem Guss" heraus präsentiert. Das Erhalten und Bewahren des Charmes des "alten Gemäuers" blieb dabei der immerwährende Impetus meiner Bemühungen. In jedem Bauabschnitt wurden zeitgeschichtliche Dokumente verborgen, genauso, wie es der Brauch unserer Vorfahren seit dem 19. Jahrhundert vorgibt.

Die Hildesheimer hatten schon bis in die frühe Neuzeit hinein teils verheerende Kriege geführt. Erinnert sei an die ruhmlose Stiftsfehde, die, ausgelöst vom katholischen Fürstbischof Johann IV., zwischen 1519 und 1523 auch zahllose Opfer unter der Zivilbevölkerung forderte, ein unsägliches Gemetzel, das oft als "die letzte mittelalterliche Fehde überhaupt" bezeichnet wird. Hildesheim war seit 1643 ununterbrochen Militärstandort bis im Jahr 2007, im Zuge der Transformation der Streitkräfte der Bundeswehr auch die letzte, lokale Kaserne geschlossen wurde. Bereits 1993 hatten britische Soldaten mit großem Pomp die Stadt verlassen. Das Kreiswehrersatzamt, das witzigerweise in der "Waterloostraße" einquartiert war, wurde nach 41-jährigem Bestehen 1997 aufgelöst. In dem maroden Gebäudekomplex kamen erst vor wenigen Jahren nach aufwendigen Sanierungsmaßnahmen ein Kindergarten und der private Musikschulverein unter. Heute gibt es weder Haubitzen, noch Panzer oder Kampf-Hubschrauber bei uns, aber die Straßennamen der Oststadt verweisen in mehrfacher Hinsicht auf den Verlauf der deutschen Geschichte, deren Mitdenker und die nationale Verantwortung für kriegerischen Wahn und seine zwangsläufigen Folgen: 

Das zerbombte Hildesheim "drei Tage danach". Originalaufnahme vom 25.03.1945 der kanadischen Luftaufklärung, wiederentdeckt von Hans-Ludwig Fütterer in britischen Royal-Air-Force Archiven im Januar 1961. Die Andreaskirche und die Rückseite des Rathauses sind deutlich erkennbar. Mittig vorn schlängelt sich die "Goslarsche Straße" durch´s Bild, unten rechts erahnen Sie vielleicht die Reste der "Binderstraße", die direkt in die "Steingrube" mündet.

Die Oststadt wurde fast ein Jahrhundert lang von der Steingrubenkaserne und dem vorgelagerten baum- und strauchlosen Exerzierplatz, einer nunmehr innerstädtischen, "grünen Lunge" mit Kinderspiel- und Basketballanlage, einem modernen Seniorenparcour, Freiluft-Schachspiel und Verkehrskindergarten dominiert. Die "Steingrube" wird in städtischen Urkunden erstmals im Jahr 1324 erwähnt als Steinbruch, der aber wegen seines geringen Ertrags schon bald wieder verfüllt wurde. Im Mittelalter diente die große Wiese, damals noch vor den Stadttoren gelegen, als öffentliche Hinrichtungsstätte. 

Hildesheim feiert im Jahr 2015 das 1200-jährige Bestehens des BistumsVerbrennungen auf dem Scheiterhaufen wurden im Namen der katholischen Kirche als öffentliches Spektakel jahrmarktähnlich inszeniert und dienten in erster Linie der Abschreckung. Beliebt waren auch das "Sieden in der Pfanne", die strenge Strafe für Falschmünzer und das "Rädern" als Todesstrafe für Mörder und Straßenräuber. Das "Vierteilen" war die Folge des Verrats. Der Tod durch den Strang wurde weithin sichtbar auf dem früher noch unbewaldeten, nahen "Galgenberg" zelebriert, heute steht dort neben dem im Original erhaltenen Balkenkreuz ein nettes, wenn auch "in die Jahre gekommenes" Ausflugsrestaurant und kein Gast, der genüsslich auf der Terrasse seinen Kaffee schlürft, wird auf die makabre Situation hingewiesen. Das wird sich auch nach der aufwendigen Sanierung des Objekts, die bis zum Winter 2014 andauerte, kaum ändern.

Feldpostkarte - gelaufen am 10.03.1917Enthauptungen, die "vornehmste" aller Methoden gab es jedoch nur direkt auf dem Marktplatz, gleich vor der Rathaustreppe, wo heute quasi ganzjährig frohe Feste gefeiert werden und Oberbürgermeister und Rat der Stadt ähnlich kluge und folgenschwere Urteile fällen wie im Mittelalter. (Für einen schnellen Blick dorthin klicken Sie einfach auf den nachfolgenden Link: http://www.hildesheim.de/magazin/artikel.php?artikel=11022&type=&menuid=2099&topmenu=2 ). Während der Zeit des Nazi-Regimes erlangten die Steingrubenkaserne, die Aufklärungsflieger- (Deckname "Hummel") und Flugbildschule im Norden der Stadt, wo auch unter strengster Geheimhaltung ein Fallschirmjäger-Regiment auf seine Einsätze vorbereitet wurde, eine besondere, strategische und machtpolitische Bedeutung und wurden tatkräftig für die Demonstration nationalsozialistischen Gedankenguts missbraucht. Kein Wunder, dass diese Kaserne als einzige der Stadt im Krieg vollständig zerstört wurde und genau an dieser Stelle damals die allerersten Bomben einschlugen. Nach dem Krieg faszinierte auf der "Steingrube" Kurt Schumacher die Massen und Louis Armstrong spielte tatsächlich im April des Jahres 1962 auch in Hildesheim! Der Dachstuhl der Moltkestraße 89 wurde am 22. März 1945 von einer Brandbombe getroffen. Aber die Bewohner des Hauses, teils noch wackere Veteranen des ersten Weltkriegs, die wegen Ihrer erlittenen, zum Teil schweren Verwundungen nicht mehr in den nächsten Krieg ziehen mussten und an der "Heimatfront" ihren Dienst leisteten, waren vorbereitet und haben das mächtige Feuer selbst löschen können. Niemand wurde verletzt.

Wenn Sie mit dem eigenen Fahrzeug, mit Taxi oder Bus, zu Fuß die Moltkestraße von außerhalb erreichen, führt Ihr Weg oft über die Bismarckstraße und den Bismarckplatz zum Ziel. Am südlichen Ende der Moltkestraße befindet sich seit 1961 das Hildesheimer "Scharnhorstgymnasium" genau an der Stelle der ehemaligen Kaserne. Gerhard von Scharnhorst, preußischer General war ein großer Reformator in seiner Zeit und der Organisator der preußischen Heeresreform. In der mathematisch-naturwissenschaftlich und gleichzeitig sprachlich ausgerichteten Schule werden nun politische Bildung, freies Denken und Handeln besonders gefördert, zur Zeit der linken Anarchie, während Helmut Schmidt noch Bundeskanzler war, aber auch schon mal einem Oberstudienrat, langjährigem, lokalem SPD-Mitglied wegen angeblich KPD-naher Äußerungen vom Kultusminister des Landes Niedersachsen vorübergehend das Unterrichten verboten. Die Oststadt ist ein gewachsener Teil Hildesheims, in dem sich verschiedene Kulturen und politische Überzeugungen gerieben haben und nun harmonisch zusammen leben, deren konservative Basis sich gern in alle Richtungen geöffnet hat. Die vormalige Kasernenstraße wurde umbenannt in "Eichendorffstraße", ein klares Symbol des Umdenkens und der geistigen Erneuerung. Hildesheim, Sitz katholischer Bischöfe seit fast 1200 Jahren hat heute eine mehrheitlich protestantische Bevölkerung.

Otto von Bismarck (links), Albrecht von Roon (Mitte) und Helmuth Karl Bernhard von Moltke¹, "Der große Schweiger", Generalfeldmarschall und Chef des Generalsstabs unter Friedrich III. (rechts) verkörpern das militärisch-strategische und sozial-politische Gewissen der preußischen Herrschaft über die Mitte Europas, schließlich war Bismarck auch einer der Väter des deutschen Sozialversicherungssystems. Es ist nachvollziehbar, dass unsere Straßennamen die unbestrittenen Leistungen der Namensgeber und gleichzeitig die militärische Historie Hildesheims würdigen sollen. Helmuth James von Moltke war nun Mitglied des Kreisauer Kreises, als direkter Nachfahre Helmuth Karl Bernhards tatsächlich ein Widerstandskämpfer, der im NS-Konzentrationslager Ravensbrück weggesperrt und später, noch kurz vor Kriegsende in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. In der Oststadt erinnern Namen an Siege und Niederlagen, an die gewaltigen Schlachten von Orléans, Waterloo und Spichern, an die besonderen Verdienste der adeligen Herren von Voigt-Rhetz, von Bahrfeldt und von Steuben, Querstraßen sind allerdings nach den großen deutschen Dichtern und Denkern Goethe, Lessing und Schiller benannt. Beim genauen Hinschauen fügt sich hier irgendwie alles sinnfällig zusammen. Und ohne jährliche "Steuben-Parade", ohne jedes überkommene, aristokratische Zweiklassendenken und ohne den klerikalen Wahn der Hexenverbrennungen vor der Haustür leben wir gern in der Moltkestraße und freuen uns darauf, unsere Begeisterung für den Stadtteil mit Ihnen zu teilen!

"Bismarckfrühstück"  Der "eiserne (Reichs-) Kanzler", Fürst Otto von Bismarck steht als Namensgeber zahlloser, typisch deutscher Gerichte Pate. Es kommen ausgewählte Spezialitäten auf den Tisch, bei deren Zubereitung die Original-Rezepturen des vergangenen Jahrhunderts und Bismarcks Vorliebe für Kiebitzeier wegen der heute geltenden Artenschutzbestimmungen aber keine Berücksichtigung mehr finden: Das "Bismarckfrühstück" (aus in Fleischbrühe und Madeira gedünsteten Champignons und gerührten Möveneiern wird nun mit Eiern echter "Mistkratzer" zubereitet), der "Bismarckhering", der in Essig eingelegt und von Zwiebeln umrahmt zur Regulierung des Salzhaushalts dient, das "Bismarckragout", eine deftige Suppe, bestehend aus dreierlei Fleischsorten, Wirsing und Kartoffeln und zu guter letzt ein kleines "Filetsteak á la Bismarck", garniert mit Wachtelei.

Unser "Bismarckfrühstück" fügt, genauso vielfältig wie sich unser Stadtteil, seine Geschichte und die heutigen Bewohner präsentieren, das zusammen, was nicht als morgendliche Pflichtaufgabe zur notwendigen Sicherung des Energiehaushalts zu sehen ist, sondern ausschließlich und nur dem puren Genuss dienen kann, einen Spiegel unserer Leidenschaft für Ess- und Trinkkultur darstellt. In ruhiger Folge bereiten und servieren wir kulinarische Kostbarkeiten, bestehend aus Fleischsorten lokaler Herkunft, hochfeiner, hausgemachter Brühe, Fisch aus zertifizierter, nachhaltiger Fischerei, Saison-Gemüsen, Salaten und Hühnereiern nur vom Bauernhof unseres Vertrauens, Salzigem und Saurem, Mildem und Süßem. Wegen des großen logistischen Aufwands: "Leider nur samstags, sonn- und feiertags und nur auf Vorbestellung ab vier Personen!"

Anmeldung zum Bismarckfrühstück per E-mail   


 ¹ Quelle: Bismarck. Des eisernen Kanzlers Leben in annähernd 200 seltenen Bildern nebst einer Einführung. Herausgegeben von Walter Stein. Hermann Montanus, Verlagsbuchhandlung Siegen und Leipzig